Bei Die Sportpsychologen hat sich eine Mutter gemeldet, bei der seit einigen Monaten die Sorge um Ihren Sohn wächst. Der 12-Jährige spielt bereits seit acht Jahren Fußball. Zuletzt war er im Nachwuchs eines Bundesliga-Clubs aktiv. Allerdings erlebte der Sohn wiederholt Panikattacken, sowohl im Training als auch bei Spielen. Inzwischen wurde bei dem Kind eine ADHS-Diagnose gestellt. Vor kurzem ist er zurück in den Amateurbereich gewechselt.
Zum Thema: Umgang mit Angst- und Panikattacken im Nachwuchssport
Die Mutter berichtet, dass ihr Sohn einerseits immer wieder mit der Situation hadere. Dass er Angst habe, dass ihn diese Blockaden wieder einholen. Andererseits flüchtet er sehr in die digitale Welt und vermeidet so regelrecht den Fußball. Die folgende Frage stellt er an uns: Wie kann mein Sohn aus der Angstspirale entkommen und wieder zu seiner Leichtigkeit zurückfinden?

Antwort von: Nathalie Klingebiel (zur Profilseite)
Erstmal ist es natürlich wichtig, zu erörtern, was es genau mit diesen „Panikattacken“ auf sich hat: Wann treten sie jeweils auf? Hat er sie auch in anderen Situationen als beim Fußball? Gibt es bestimmte Auslöser? Inwiefern beeinflussen sie sein Fußballspiel? Wenn man einen Grund ausmachen kann, dann fällt es auch leichter zu wissen, wo und mit welchen Strategien man ansetzen kann.
Außerdem könnte man versuchen herauszufinden, was genau es mit der Angst für ihn auf sich hat. Sind es die „Panikattacken“ an sich, die ihm Angst machen oder ist es vielleicht eher die „Angst vor der Angst“? Ratsam könnte an dieser Stelle dann auch eine Psychoedukation über Angst sein, also z.B. was Angst überhaupt ist, wieso sie sogar hilfreich sein kann und dass Angst kein Dauerzustand ist, sondern irgendwann immer von alleine wieder verschwindet.
Eine mögliche Strategie, die er für mehr Leichtigkeit anwenden könnte, wäre eine (angeleitete) Visualisierung, mithilfe der er sich bewusst und sehr detailliert vorstellt, wie er Fußball spielt, ohne eine „Panikattacke“ zu haben. Durch eine regelmäßige Anwendung kann er sich quasi selbst positiv verstärken und Erfolgserlebnisse schaffen. Auch Atemtechniken wären eine Option, die er für sich nutzen kann, regulierend einzugreifen, wenn er merkt, dass sich eine „Panikattacke“ anbahnt.

Antwort von: Danijela Bradfisch (zur Profilseite)
Hallo Frau Walter (Name von der Redaktion geändert),
gerne antworte ich Ihnen aus drei verschiedenen Perspektiven, da ich alle drei Seiten Ihres Anliegens sehr gut kenne:
Als ehemalige Nachwuchsleistungstrainerin war ich immer bestrebt, einen regelmäßigen, persönlichen und offenen Austausch zum Athleten und den Eltern zu haben. Begründung: Unabhängig vom Sport gibt es noch andere Themen im Leben, die ins Training mitgenommen werden. Eigener Erwartungsdruck, schulischer oder sozialer Stress. Hier pflegte ich eine Kommunikation unter den Fragestellungen: “Was möchtest Du als Athlet?” und “Was für ein Ziel hast Du bzw. möchtest Du erreichen und wie kann ich Dich als Trainerin unterstützen?” Das aktive Einbinden des Athleten ins Training fördert die Beziehungsarbeit und vermindert somit das subjektive Empfinden, den Druck/Stress oder gar Angst im Training.
Frage aber an Sie: Wie sieht die Kommunikation bei Ihnen aus? Sind Ihre Trainern geschult oder informiert bzw. wie gehen diese mit Ihrem Kind und Ihnen ins Gespräch?
Als Mutter einer 10-jährigen Tochter mit ADHS weiß ich, dass es wahrhaftig nicht leicht ist, die Situation täglich zu meistern! Respekt an Sie und Ihre Familie. Als Mutter mache ich mir täglich Gedanken bezüglich der Medikation. Aber nicht nur ich: Nach Gesprächen zwischen unserem Kinderarzt und uns und unserer Tochter hat sie sich für die Medikamente entschieden, da die Vorteile überwiegen. Sie nimmt Tabletten in der Schule, um nicht in “Stress” zu geraten, was ihr hilft, Routinen und Leistungen bei sich selbst anzuerkennen und positiver abzuspeichern. Dasselbe gilt für das Training. Die Routinen im Umgang mit den anderen, das Einordnen von Gefühlen und Reflektieren wird unterstützt durch ein Gespräch mit einer neutralen Person (Verhaltenstherapeutin), um mich als Mutter zu entlasten, die Zeit mit meiner Tochter neu zu gestalten und die Tabletten (irgendwann evtl.) nicht mehr benötigen zu müssen.
Fazit bei uns: Nach einem Jahr, haben wir eine entspanntere Beziehung innerhalb der Familie, unsere Tochter ist glücklicher und hat weniger Stress und Angst im Alltag vor “Fehlern”. Sie genießt die Zeit bei ihrer Verhaltenstherapeutin, um ihre Themen “loszuwerden”, ohne Mama und Papa zu belasten (Thema Selbstständigkeit) 😉
Aus der Perspektive der Sportpsychologie auf das Themenfeld Angst/Panikattacken geblickt, gehe ich mit meiner Kollegin konform. Ich bin mir sicher, dass Sie als System Familie bereits eine Strategie für sich entwickelt haben, wenn eine solche Situation auftreten sollte. Dennoch möchte ich Ihnen auch einige Maßnahmen andeuten, die helfen können, mit Panikattacken umzugehen oder sie zu lindern (was ich auch als Mutter bei meiner Tochter anwende):
- Beruhigung der Atmung: Tief durch die Nase einatmen, den Atem für einige Sekunden halten und dann langsam durch den Mund auszuatmen.
- Ablenkung: Sich mit etwas zu beschäftigen, das die weiteren Sinne anspricht – zum Beispiel eine beruhigende Musik, Kuscheltier oder gar eine kleine Aufgabe erledigen (z.B. gemeinsam kochen).
- Positive Gedanken
- Den Körper beruhigen
- Regelmäßige Entspannungstechniken
Wenn Panikattacken häufig auftreten oder das tägliche Leben beeinträchtigen, ist es ratsam, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ihr erster Ansprechpartner sollte dazu ihr Kinderarzt sein. Eine mögliche Intervention kann grundsätzöich sehr unterschiedlich sein, möglich ist unter anderem eine kognitive Verhaltenstherapie, die Festigung von Entspannungstechniken oder die medikamentöse Behandlung.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen einen Impuls geben und möchte Ihnen nochmals schreiben, dass ich es sehr schätze, was Sie als Mutter und als Familie schon jetzt für ihren Sohn alles leisten. Das ist toll!
Deine Frage?
Wir von Die Sportpsychologen sind für dich da. Und weil wir wissen, dass manchmal eine kleine Schwelle im Weg steht, Kontakt zu einem “Psychologen”, einer “Psychologin” oder einer/einem “MentaltrainerIn” zu suchen, machen wir einen Schritt auf dich zu. Wenn du also auch eine Frage an uns loswerden möchtest, dann nutz dafür das folgende Formular.
Wichtig zu wissen: Manche Fragen und deren Antworten veröffentlichen wir nicht. Wir treten dann mit den jeweiligen FragestellerInnen persönlich in Kontakt. Dies behalten wir uns für Fälle vor, in denen die Anonymität nicht gewährleistet werden kann oder das angestoßene Thema besser im geschützten Raum besprochen wird. Zudem gilt: Unsere Antworten können nicht mehr als Anstösse liefern. Anstösse, von denen du als Leser oder Leserin ableiten kannst, wie wir von Die Sportpsychologen ticken und was wir so machen.
Views: 36